11 Jan

Der zertifizierte Mediator – ein schwieriges Konstrukt von hoher praktischer Bedeutung

veröffentlicht 11. Januar 2017 abgelegt unter Aktuell, Allgemein, Aus- und Weiterbildung, Mediation

Erst hat sie lange auf sich warten lassen, dann sah es so aus, als wenn sie bis zur Evaluierung des Mediationsgesetzes im Sommer 2017 zurückgestellt würde. Jetzt hat das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) die „Zertifizierte-Mediatoren-Ausbildungs-Verordnung“ (ZMediatAusbV) auf Druck des Verbraucherstreitbeilegungsgesetzes erlassen. Die Grundkonstruktion der Zertifizierung ist und bleibt zweifelhaft. Die Verordnung wirft weitere Probleme auf.

von Peter Röthemeyer

Das Mediationsgesetz von 2012 verlangt für die Tätigkeit des Mediators eine „geeignete Ausbildung“ und beschreibt die zu erwerbenden Kenntnisse und Kompetenzen nur oberflächlich. Neben diesen „einfachen“ Mediator hat das Gesetz die Figur des „zertifizierten Mediators“ gestellt. Ab dem 1. September 2017 dürfen sich Mediatoren, die die in der Verordnung dargestellten Voraussetzungen erfüllen, als zertifiziert bezeichnen. Damit ist allerdings kein Zertifikat in dem Sinne verbunden, dass eine neutrale Stelle in einem spezifischen Verfahren die Voraussetzungen prüft und verantwortet. Das Gesetz vermittelt vielmehr nur die Befugnis, sich als zertifiziert zu bezeichnen.

zertifizierter Mediator

Es gibt also weder einen Zertifizierer noch einen Zertifizierungsakt. Ob die Voraussetzungen erfüllt sind, ist allenfalls über das Wettbewerbsrecht zu überprüfen. Dabei ist der Mediator nicht durch ein konstitutives Zertifikat geschützt. Diese Konstruktion wird von der Praxis und Literatur überwiegend abgelehnt. Sie kann kaum zu einer sachgerechten Qualitätsentwicklung und -sicherung beitragen (Eidenmüller 2016) und auch nur bedingt Transparenz für den Markt schaffen. Gleichwohl dürfte die Zertifizierung von erheblicher Bedeutung für die Marktchancen des einzelnen Mediators sein, ist sie doch (immerhin) ein Anhaltspunkt für Interessenten und sind ihre konstruktiven Mängel nach außen nicht ohne Weiteres erkennbar.

Voraussetzungen

Die Verordnung verlangt einen Ausbildungslehrgang und eine Einzelsupervision über eine durchgeführte (Co-) Mediation. Die Ausbildung umfasst mindestens 120 Zeitstunden; in der Anlage zu § 2 ZMediatAusbV sind die Inhalte weiter aufgegliedert und ihrerseits mit Mindeststunden hinterlegt, die sich auf 120 addieren. Ein Ausbildungskonzept, das auf diese Dauer beschränkt ist, ist also von der Verordnung präzise vorgegliedert. Anders noch als im Entwurf ist vorgegeben, die Ausbildung im Mindestumfang präsent durchzuführen. Das bedeutet nicht ein Verbot von Fernstudien. Die Präsenzzeiten aber müssen mindestens 120 Stunden betragen, wobei es nicht darauf ankommt, dass gerade die in der Anlage dargestellten Ausbildungsinhalte präsent vermittelt werden (Eicher 2016). An die Ausbildungseinrichtung werden keine Anforderungen gestellt und die Voraussetzungen für die eingesetzten Lehrkräfte sind niedrigschwellig (§ 5 ZMediatAusbV); diese müssen nicht einmal (zertifizierte) Mediatoren sein.

Einzige weitere Voraussetzung für den Erwerb der Bezeichnungsbefugnis ist eine Einzelsupervision über eine durchgeführte (Co-)Mediation. Mit der Überführung des Praxiserwerbs in ein Supervisionskonzept ist ein qualitativer Zugewinn insofern verbunden, als es zur Reflexion der erworbenen Erfahrung kommt. Eine Gruppenvision soll deshalb ausgeschlossen sein. Andererseits werden an die Qualifikation des Supervisors keine Anforderungen gestellt.

Sowohl über den Ausbildungslehrgang wie auch über die Supervision stellt die Ausbildungseinrichtung eine Bescheinigung aus (§ 2 Abs. 6 ZMediatAusbV). Hiermit dürfte ein Quasi-Zertifikat entstehen, auch wenn ihm die konstitutive Wirkung fehlt.

Fortbildung

Der zertifizierte Mediator hat sich zum einen regelmäßig fortzubilden; die Verordnung gibt 40 Zeitstunden in jeweils vier Jahren vor (§ 3 ZMediatAusbV). Zum anderen ist Praxiserwerb im Rahmen von Supervision erforderlich (§ 4 ZMediatAusbV). Der Mediator muss in den ersten zwei Jahren vier Einzelsupervisionen über je eine (Co-)Mediation durchführen. Eine Rezertifizierung oder der Verlust der Bezeichnungsbefugnis bei Verstoß gegen die Fortbildungsobliegenheiten ist nicht vorgesehen, die Kontrollierbarkeit über das Wettbewerbsrecht offen.

Altausbildungen

Die Verordnung gilt nicht nur für neue Ausbildungen, sondern auch für (längst) abgeschlossene. Hier stellen sich Fragen etwa zum Zeitpunkt der für die Zertifizierung vorausgesetzten Einzelsupervision und zum Beginn der Fortbildungspflichten. Im Ergebnis (vgl. i. E. Röthemeyer 2016) dürfte es genügen, wenn unabhängig vom Zeitpunkt des Ausbildungsendes die Einzelsupervision bis zum 1. Oktober 2018 durchgeführt ist oder wird und die Fortbildungspflichten dürften nicht vor dem 1. September 2017 beginnen.


Den vollständigen Artikel inkl. Ausführungen zu Auslandsausbildungen, Übergangsbestimmungen, Nacherwerb sowie dem persönlichen Fazit von Herrn Peter Röthemeyer finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe „Die Strippenzieher – Konflikte in Organisationen“.

Über den Autor

Peter Röthemeyer
stellvertretender Leiter der Abteilung für Zivil- und Öffentliches Recht im Niedersächsischen Justizministerium, war bis 1996 als Richter tätig. Er ist ausgebildeter Mediator.

 

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