05 Aug

Rezension „Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm“

veröffentlicht 5. August 2016 abgelegt unter Aktuell, Rezension

von Matthias Stiehler

Hans-Joachim Maaz ist mit „Die narzisstische Gesellschaft“ ein bedeutsames Buch gelungen, das an seine bekannten und grundlegenden Bücher „Der Gefühlsstau“ (Argon 1990) und „Der Lilith-Komplex“ (C.H.Beck 2003) anschließt. War „Der Gefühlsstau“ bei seinem Erscheinen als Beschreibung der gerade untergegangenen DDR zu verstehen, legt der Autor nun ein Psychogramm der kapitalistischen, auf Leistung und Wachstum geeichten Gesellschaft vor.

Abb.: Cover „Die narzisstische Gesellschaft“; Bildquelle: © Verlag C.H.Beck

Abb.: Cover „Die narzisstische Gesellschaft“;
Bildquelle: © Verlag C.H.Beck

Ihm gelingt es, mit der Erklärungsfolie des Narzissmus ein zentrales Merkmal unserer Zeit zu entwickeln, das die individuelle, die soziale und die gesamtgesellschaftliche Ebene gleichermaßen anspricht. Geltungssucht, Gier, Wachstumsideologie und selbstzerstörerische Leistungsbereitschaft werden nicht nur als wesentliche Merkmale unserer Gesellschaft beschrieben; Maaz fragt auch nach deren Ursachen. Die sieht er zunächst in der individuellen Sozialisation, insbesondere in einem Mangel an Liebe, Zuwendung und Wertschätzung in der frühen Kindheit. Das daraus resultierende Minderwertigkeitsgefühl münde in der Überzeugung, nicht wirklich liebenswert zu sein, und bestimme das Handeln der Betroffenen noch im erwachsenen Leben.

Maaz beschreibt zwei entgegengesetzte Formen, das Gefühl von Minderwertigkeit zu kompensieren. Da sind zum einen die, die auch gern im alltäglichen Sprachgebrauch als „Narzissten“ bezeichnet werden. Sie stellen sich überzogen dar und sind geltungssüchtig. Manchmal wird diesen Menschen ein „gesundes Selbstbewusstsein“ bescheinigt, das aber bei genauerem Hinsehen nicht überzeugt. Wir merken es daran, dass uns ihr Gehabe schnell nervt. Es gibt aber auch die anderen, diejenigen, die ihr Licht unter den Scheffel stellen. Sie verharren in ihren Minderwertigkeitsgefühlen und möchten niemandem zur Last fallen. Auch diese Menschen nerven schnell, wenn sie ihr Verhalten übertreiben. Maaz zeigt die einen als gefangen im „Größenselbst“, die anderen als im „Größenklein“ verhaftet. Doch keiner der beiden Kompensationsversuche frühkindlicher Nöte ist besser als der andere. Sie sind gleichermaßen Ausdruck einer narzisstischen Persönlichkeit, die Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erheischen sucht. Die einen wollen durch Grandiosität ihren frühkindlichen Mangel kompensieren. Die anderen buhlen durch zur Schau getragene Bescheidenheit um Zuwendung.

Maaz geht noch über die individuelle Ebene hinaus und charakterisiert unsere Gesellschaft als eine narzisstische. Dies sei in zweifacher Hinsicht zu erleben. Zum einen sei die Sucht nach einem ständigen Mehr und die Leugnung natürlicher Begrenzungen von Wachstum ein Hauptproblem des Kapitalismus. Maaz sieht darin das Streben der Menschen, den inneren Mangel an Liebe durch Konsum und Gier zu betäuben. Zum anderen biete die Bühne der Öffentlichkeit in unserer Gesellschaft gerade besonders ausgeprägten Narzissten die Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Hier stellt Maaz das Kollusive dieses „Spiels“ dar. Denn nur dort, wo genug Menschen im Größenklein gefangen sind, können sich andere in ihrer Persönlichkeit aufblähen. Damit lässt sich die narzisstische Gesellschaft als ein Zusammenspiel der sie gestaltenden Menschen (also uns!) verstehen, das den Schmerz über den erlebten Mangel abwehrt.

Trotz der manchmal für den Leser schmerzhaften Analyse sind die Ausführungen von Maaz immer auch von Verständnis und Empathie geprägt. Er zeigt zudem, dass bei aller Unauflösbarkeit der frühen Defizite ein gutes – und ich möchte auch sagen: anständiges – Leben möglich ist. Doch dafür sei es notwendig, sich mit der eigenen Problematik auseinanderzusetzen und die Verantwortung für die eigene Kompensation narzisstischer Defizite nicht anderen (Partnerinnen und Partnern, „den“ Männern und „den“ Frauen, „denen da oben“ usf.) zuzuschieben, sondern selbst zu übernehmen.

Maaz gelingt es, all diese Tatsachen mit einer klaren, auch für Laien verständlichen Sprache darzustellen. Möglicherweise macht ihm mancher gerade das zum Vorwurf: Die Welt sei doch viel zu komplex, als dass ein solches Erklärungsmuster ausreichen würde. Doch lässt sich nicht gerade in den vielen komplizierten Erklärungen des Weltgeschehens, die uns täglich vorgesetzt werden, eine geschickte Abwehr erkennen? Wenn alles so kompliziert ist, brauche ich ja selbst keine Verantwortung zu übernehmen, kann ich die Schuld im nicht veränderbaren „Großen und Ganzen“ sehen und meinen eigenen Narzissmus weiter pflegen. Genau diese Haltung sollte nach der Lektüre des Buchs von Hans-Joachim Maaz der Vergangenheit angehören.

C.H.Beck 4. Aufl. 2013. 236 S. 17,95 Euro. ISBN 978-3-40664-041-4

Kategorien: Aktuell, Rezension

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