23 Oct

Was kostet es Mediationen NICHT durchzuführen?

veröffentlicht 23. Oktober 2017 abgelegt unter Mediation, Rubrik Recht

Wieviel Geld und Zeit spart man wirklich, wenn eine Mediation anstelle eines Gerichtsverfahrens tritt? Forscher des ADR-Centers (Rom) stellten sich diese Frage und entwickelten bereits 2011 ein Verfahren, um den Zeit- und Kostenaufwand eines Gerichtsverfahrens mit dem Aufwand für eine Mediation zu untersuchen. Die Kosten eines Gerichtsverfahrens wurden dem Weltbank-Bericht Doing Business 2009 entnommen, in dem die durchschnittlichen Gerichtskosten, sowie Anwaltskosten für einzelne Länder aufgeführt sind. Wie aber lassen sich vergleichbare Daten für das Mediationsverfahren gewinnen? Hierfür betrachteten die Forscher die Länder Belgien und Italien, in denen ein System der gerichtsnahen Mediation vorliegt.

© fotolia |electriceye

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Dass ein Mediationsverfahren insgesamt schneller und günstiger ist, wird immer wieder gerne als Argument für dieses alternative Konfliktlösungsverfahren angeführt. Dass aber die Zahlen so eindeutig sind, ist doch überraschend: So geht aus der Auswertung des Datenmaterials hervor, dass bei einer hohen Erfolgsquote von Mediation (in Belgien und Italien liegt diese bei 75%) ca. 220 Tage und 5.000 € in Belgien und 860 Tage und über 7.000 € in Italien eingespart werden.

Ein weiteres Ergebnis der Forschung ist die Berechnung des Break-Even-Punkts, ab wann eine Mediation günstiger als ein Gerichtsverfahren ist. So ist ein Mediationsverfahren, das mit einer Erfolgsquote von 19%, schneller und mit einer Erfolgsquote von 24%, kostengünstiger als ein Gerichtsverfahren. So lässt sich zusammenfassen, dass Mediation in sehr vielen Fällen eine kosten- und zeitsparende Alternative zum Gerichtsverfahren darstellt.

Die Autoren der EU-finanzierten Studie fordern daher eine bessere Implementierung von Mediation in Gerichtsverfahren. Auch wenn der Begriff der „obligatorischen“ Mediation oft Kritik hervorruft – da es sich um ein freiwilliges Verfahren handelt – befürworten die Autoren dennoch ein System der gerichtsinternen Mediation. Wenn bspw. ein Mediationsversuch vor der Eröffnung eines Gerichtsverfahrens obligatorisch ist, dann haben auch mehr Menschen Zugang und Kenntnis von dieser alternativen Konfliktlösungsmethode, so das Argument.

Sicherlich sind nicht alle Gerichtsverfahren dazu geeignet in einer Mediation bearbeitet zu werden. Doch schaut man auf die wegweisenden Zahlen dieser Studie, so ist es nicht weiter verwunderlich, dass in der Zwischenzeit zahlreiche Modellprojekte von Mediation an Gerichten auch in Deutschland durchgeführt werden (-> einen Überblick finden sie hier).

Die gesamte Studie unter dem Titel Quantifying the cost of not using mediation – a data analysis finden Sie auch unter unserer Rubrik Fachartikel und Studien.

4 Kommentare zu Was kostet es Mediationen NICHT durchzuf ...

  1. Neben der hier zitierten Studie von 2011 gibt es eine neuere Studie im Auftrag der EU von 2014, die auch die Situation in Deutschland konkret benennt. Wobei ich der Meinung bin, dass die Kosten in der Entscheidung Gericht oder Mediation nur ein Faktor unter vielen anderen sind.

    Der Streitwert für den Musterfall ist in Deutschland rund 66.000€. Die durchschnittiche Dauer für die Klärung des Musterfalles in Deutschland beträgt 43 Tage per Wirtschaftsmediation oder 395 Tage im Rechtsstreit. Die durchschnittlichen Kosten für das Verfahren belaufen sind in Deutschland auf 5.750 € für die Wirtschaftsmediation und 9.510 € für den Rechtsstreit. Die Kosten beinhalten die Gerichtskosten, sowie die Honorare der Anwälte und Mediatoren.

  2. Corina Sube sagt:

    Die Anwaltskosten hängen davon ab, ob nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) oder nach einem Stundenhonorar abgerechnet wird. Der Abschluss einer Vergütungsvereinbarung mit unterschiedlich hohen Stundensätzen ist in der Wirtschaft mittlerweile die Regel. Insofern dürften die Anwaltskosten deutlich höher ausfallen, als hier angenommen. Im Übrigen bleibt es meist nicht bei einer Instanz……

  3. Steiner sagt:

    Die Erwartungshaltung der Mediations-Ansuchenden ist insbesondere hinsichtlich der Kosten realitätsfern.
    Stattdessen wird angenommen, de Mediator ist eine Art Hybrid aus Anwalt (und zwar eigener) und Richter (der die eigene Meinung umsetzt) und zudem billiger, als eben Anwaltsberatung.

    Ganz schwierig wird es, wenn die Medianden sich einer kooperativen Mediation verweigern und stattdessen die bekannten Psychospielchen betreiben, den Mediator einbinden, als Verbündeten gewinnen wollen., Die lehrbuchhaften Idealbeispiele halten der Realität daher fast nie stand, und die Abbruchquote steigt exorbitant an, je mehr man die ökonomisch notwendigen Eigenkosten/Honorare vs. RA-Honoraren angleicht, und “nur” die Zeiteinsparung und andere, psychosoziale als “einzige” Vorteile bieten kann.

    Glasl sagt richtig: ” Es kommt nicht auf die FREIwilligkeit an, sondern auf die WILLIGkeit”, daran mangelt es erheblich, daher ist Mediation letztendlich ein Coachingprozess bei Konfliktparteien, die sich einigen WOLLEN, aber den Mediator als Coach/Scout zum Lösungsfindungsprozess benötigen, und ansonsten im (hoch)strittigen Konflikten nur über Zwangsanordnung umsetzbar.

    Dies ist Erfahrung aus nunmehr 4 Jahren Mediationsversuchen in verschiedenen Bereichen, wobei selbst bei hohem persönlichem Leidensdruck (Familien/Trennungsmediation) die Wertschätzung der Dienstleistung überhaupt nicht vorhanden ist, und eine ökonomische Wertzuschreibung bedauerlicherweise (noch?) völlig fehlt!

    Wenn und so lange betriebswirtschaftliche Illusionisten und Dilettanten, im Schnellkurs ausgebildet für 80 EUR/Std. oder auch weniger Pseudowettbewerb gegen Anwälte betreiben, wird sich daran auch nichts ändern. Inhaltlich fehlt es an einer qualitativen Zuschreibung einer Premiumleistung. Was sich ja auch an den Ergebnissen der kürzlich publizierten Studie zur Mediation ablesen lässt.

    • Katharina Rosch sagt:

      Es gibt sicher Mediatoren, die nicht ausreichend ausgebildet wurden – und welche, die aufgrund zu geringer Praxis Fehler machen.

      Jedoch zu behaupten – und so liest es sich zwischen Ihren Zeilen – lediglich Anwälte könnten qualifiziert mediieren, empfinde ich an dieser Stelle übergriffig.

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