28 Oct

Ist soziale Kompetenz erlernbar?

veröffentlicht 28. Oktober 2017 abgelegt unter Allgemein, Wissenschaftliche Kolumne

Mit dem ReSource-Projekt untersuchte das Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften wie Empathie funktioniert und ob soziale Kompetenz erlernt werden kann. Es handelt sich um ein großangelegtes Trainingsprojekt, das östliche spirituelle Traditionen wie die Meditation mit der westliche Psychologie verbindet.

Tania Singer, die Leiterin des Projekts, hat zusammen mit internationalen Experten wie Psychologen, Neurowissenschaftlern, Anthropologen, Philosophen, Mikro- und Makroökonomen drei Trainingseinheiten entwickelt.

Das erste Modul wird als Präsenz bezeichnet. Es focussierte sich auf Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Die Teilnehmer praktizierten jeder für sich klassische Meditationen und konzentrierten sich auf ihre Atmung, ihre Sinneseindrücke oder einzelne Bereiche ihres Körpers.

© fotolia | olly

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Im zweiten Modul (Affekt) geht es um Mitgefühl, Dankbarkeit und den Umgang mit schwierigen Gefühlen. Hier trainierten jeweils zwei Personen gemeinsam. Sie tauschten sich in Partner-Übungen (in kontemplativen Dyaden) hochkonzentriert über ihre Gefühle aus. Es ging darum, sich in Nähe, in Dankbarkeit, im Umgang mit Stressoren und im Einfühlungsvermögen zu schulen.

Im dritten Modul, der Perspektive, kultivierten die Teilnehmer die Fähigkeit zur Perspektivübernahme. Sie nahmen – bildlich gesprochen – die Vogelperspektive auf eigene und fremde Denkmuster ein. Neben den Übungen aus den ersten beiden Modulen schlüpften sie in diesem Modul gedanklich in die Rolle eines ihrer inneren Persönlichkeitsanteile – in die Rolle der besorgten Mutter, des neugierigen Kindes oder des strengen Richters – und sollten eine Sequenz aus deren Perspektive beschreiben. Während der Erzählende sich darin schulte, sich selbst besser zu verstehen, übte der Zuhörer sich darin, sich in die Perspektive und Gedankenwelt eines anderen hinein zu versetzen.

Nach jedem Modul untersuchten die Wissenschaftler anhand von Verhaltenstests und mit medizinischen Messungen Veränderungen wie zum Beispiel die Hirnstruktur oder die Menge des Stresshormons Cortisol.

© fotolia |alxhar

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Das ReSource-Projekt ist das weltweit größte Projekt seiner Art. Die Trainings sind abgeschlossen. Die Auswertungen laufen noch und werden jetzt nach und nach veröffentlicht.

Ein Ergebnis ist bereits gesichert: Soziale Kompetenz kann auch noch im Erwachsenenalter trainiert werden – und soziale Kompetenz mindert Stress. „Unsere Befunde zeigen nun eindrücklich, dass kurzes und gezieltes tägliches mentales Training bei erwachsenen Menschen noch strukturelle Veränderungen im Gehirn bewirken kann, und dies wiederum zur Steigerung der sozialen Intelligenz führt. Da Eigenschaften wie Empathie, Mitgefühl und Perspektivwechsel essenziell für gelungene soziale Interaktionen sowie Konfliktlösung und Kooperation sind, könnten diese Befunde eine hohe Relevanz für unser Bildungssystem haben“, so Tania Singer in einem Interview mit der Leipziger Internetzeitung.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass Menschen, die über wenig soziale Kompetenz verfügen, mehr Stress empfinden. So haben die Wissenschaftler nachgewiesen, dass Menschen, wenn sie sich regelmäßig einer fremden Person gegenüber öffnen und lernen, vorurteilsfrei anderen zuzuhören, eine Art soziale Stress-Immunisierung erfahren. Denn eine Hauptursache von sozialem Stress ist die Angst vor negativer Fremdbeurteilung.

Und was die Wissenschaftler aus ihren Untersuchungen auch ableiten, ist der Ratschlag, wer lernen möchte, weniger auf sozialen Stress zu reagieren und seine Empathie, sein Mitgefühl und seine Perspektivübernahme steigern möchte, der sollte mentale Trainingstechniken anwenden, die einen stärkeren Fokus auf das „Wir“ und auf eine soziale und globale Verbundenheit unter Menschen setzen. Was aktuell in der Weltpolitik, in Staaten wie den USA, Türkei, Polen, Ungarn und und und eher weniger angesagt ist. Aber vielleicht gibt es Hoffnung, soziale Kompetenz und globale Verbundenheit sind jetzt nachweislich erlernbar, und die Machthaber hätten ja dann vielleicht auch weniger Stress. Wir auch …

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Quelle:Leipziger Internetzeitung, 6. Oktober 2017

Zum Download des E-Books von Tania Singer, Matthias Bolz, Herausgeber: Mitgefühl. In Alltag und Forschung. Max Planck Society Munich, Germany

 

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