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Weniger Aufgeregtheit täte uns allen gut

veröffentlicht 1. November 2018 abgelegt unter Allgemein, Literatur, Mediation, Rezension

Ein Buch über aktuelles Faktenwissen zeigt uns auf, dass die Welt besser wird – nicht überall gleich viel, aber Schritt für Schritt.

Der leider schon 2017 verstorbene Hans Rosling war Professor für internationale Gesundheit und hat unter anderem die „Gapminder-Stiftung zur verständlichen Aufbereitung von Statistiken“ gegründet. In seinem Buch: „Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ geht es um das Phänomen, dass sehr viele Menschen dazu neigen, Fakten fehlzuinterpretieren, selbst wenn sie sie schwarz auf weiß vor sich liegen haben. Dazu nutze er offiziellen Daten von Weltbank, Weltgesundheitsorganisation und stellte eigene Recherchen an.

Auch für Mediatoren dürfte das Buch interessant sein, denn Aufgeregtheit und „individuelle“ alternative Fakten begegnen uns auch in Mediationen, vor allem wenn es um hocheskalierte Emotionen geht. Gut, wenn wir ein wenig mehr über die Wirkung unserer Instinkte zu erfahren. Zum Beispiel unsere Neigung, das Schlechte aufmerksamer Wahrzunehmen als das Gute. Den Instinkt der Negativität.

Oder der Instinkt der Schuldzuweisung. Dieser Instinkt „strebt danach, einen klaren und einfachen Grund dafür zu finden, warum etwas Schlimmes passiert ist.“ Viele Menschen sind schnell dabei, nach einem Schuldigen zu suchen, um diesen Instinkt zu befriedigen.

Mehr über Schuld und Verantwortung können Sie übrigens auch in der aktuellen Ausgabe der MEDIATION erfahren.

Veraltete Fakten und unser Instinkt leiten uns in die Irre

Kriege, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen, menschengemachte Katastrophen, Korruption. Schreckliche Dinge passieren, und es fühlt sich an, als ob alles immer nur noch schlimmer wird, richtig? Die Reichen werden reicher, und die Armen werden ärmer. Und die Zahl der Armen nimmt immer weiter zu. Und bald werden uns die Ressourcen ausgehen, es sei denn, wir unternehmen etwas dagegen, und zwar sofort.“

© fotolia | freshidea

Ein Grund für dieses Denken ist, dass wir unbewusst auf veraltete Daten zurückgreifen, die wir vielleicht noch aus der Schule haben und sie nicht mit den aktuellen Fakten„geupdatet“ haben. Doch Welt ändert sich ständig, veraltete Fakten führen zu falschen Schlüssen.

Aber vor allem das menschliche Hirn spielt dabei eine große Rolle. Noch heute sind wir mit Instinkten fest verdrahtet, die vor Millionen von Jahren über Tod oder Leben unserer Vorfahren bestimmten. „Wir brauchen diese dramatischen Instinkte nach wie vor, um unserer Welt Bedeutung zu verleihen.“ Ohne unsere Instinkte müssten wir jede noch so kleine Information erst einmal filtern und jede Entscheidung rational analysieren. Doch wir werden heute nicht mehr von Säbelzahntigern bedroht und wir müssen uns keine Fettschicht für den Winter anessen. Es geht heute darum, „unseren Dramenkonsum in den Griff zu kriegen. Heute ist eine andere Zeit und sie braucht einen anderen Umgang. Dramatisierung führt uns regelmäßig in die Irre.

Es gibt enorme Fortschritte

Die extreme Armut hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als halbiert, Hungerkatastrophen werden schneller und besser bekämpft, der Anteil unterernährter Menschen weltweit ist von 28 Prozent in 1970 auf 15 Prozent in 2017 gesunken. 88 Prozent der einjährigen Kinder haben 2016 eine Impfung erhalten. Entgegen dem Glauben, die Gewaltverbrechen nähmen zu, sanken sie in den USA beispielsweise von 14,5 Millionen (1990) um gut ein Drittel auf 9,5 Millionen in 2016.

Roslings Intention war, irrationalen Ängsten entzugegenzuwirken, um Energien für konstruktives Handeln freizumachen.

Testfragen machen überdramatisierte Weltsicht deutlich

Gleich zu Anfang des Buches stehen 13 Test-Fragen zum Wissen über die Welt. Zum Beispiel, ob sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung nahezu verdoppelt, nicht oder unwesentlich verändert oder ob sie sich deutlich mehr als halbiert hat. Oder wie viel Prozent der Menschen ein gewisses Maß an Elektrizität haben, 20, 50 oder 80 Prozent (es sind 80). Diese Fragen hat er mehreren tausend Menschen in verschiedenen Ländern gestellt.

Mit Fakten gegen Angst und Vorurteile

Rosling war sehr überrascht, als die Befragten die Lage in der Welt weit negativer einschätzen, als sie mit Daten belegbar ist. Um auf den Grund dieser Fehleinschätzungen zu kommen, forschte er weiter im Bereich der Instinkte und identifizierte dabei zehn verschiedene menschliche “Instinkte”, darunter die Angst, die Negativität, die Dringlichkeit oder die Schuldzuweisung, die er lebendig und in einer humorvollen Weise ausführlich beschreibt.

Das Buch bietet ein unendliches Kompendium an Daten und Fakten, um uns ein realistisches aktuelles Weltbild zu vermitteln – anstelle von alternativen Fakten und Fakes. Ein Weltbild, das weniger bedrohlich wirkt, als das, was man aktuell den Medien entnehmen kann.

Auch Barack Obama hat im August das Buch gelesen. Auf seiner Facebookseite schreibt er: „Ein hoffnungsvolles Buch über das Potential menschlichen Fortschritts, wenn wir auf Basis von Fakten arbeitet und nicht vor Vorurteilen.“

Als Hans Rosling im vergangenen Jahr starb, haben sein Sohn und seine Schwiegertochter das Buch beendet und veröffentlicht.

Hans Rosling, Anna Rosling Rönnlund, Ola Rosling: Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein. Berlin 2018

 

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