12 Sep

Wie wäre es mit mehr Zeit?

veröffentlicht 12. September 2017 abgelegt unter Aktuell, Allgemein, Politische Kolumne, Rubrik Familie, Rubrik Recht

Die politische Kolumne von Katja Kipping (DIE LINKE).

Zeit ist ein knappes Gut – und zugleich eine umkämpfte Ressource. Menschen in der modernen Industriegesellschaft fühlen sich häufig getrieben und fremdbestimmt. Die Suche nach Lösungen wirft die Frage nach einer gerechten Verteilung von Zeit und nach Souveränität über eigene Lebenszeit auf.

Katja Kipping meint: Zeitwohlstand für alle ist möglich!

Viele möchten einfach mal ausspannen. Arbeit im Beruf, Arbeit in der Familie, die täglichen notwendigen Besorgungen, eventuell noch eine Weiterbildung … Irgendwie scheint unsere freie Zeit eingequetscht zwischen diesen Erfordernissen. Irgendwie kommt auch die Familie zu kurz, das Spielen mit den Kindern, das Reden mit dem/der Partner/in, die Zeit für die Großmutter. Wie wäre es mit mehr freier Zeit? Wie wäre es mit mehr Möglichkeiten, sich der Familie zu widmen?

Ich glaube, wir müssen dringend das Thema Verteilung von Zeit und Souveränität über eigene Lebenszeit politisch thematisieren. Und zwar die gerechte Verteilung von Zeit in Erwerbsarbeit wie auch die gerechte Verteilung von Zeit in Familie und Haushalt zwischen Mann und Frau.

©freshidea - fotolia

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Zeitgerechtigkeit in der Erwerbsarbeit

Beginnen wir bei der Erwerbsarbeit: Sie ist gesellschaftlich auf eine Art verteilt, die für beide Seiten Stress bedeutet: Die einen kommen gar nicht erst zu einem Arbeitsvertrag, sind erwerbslos, oder haben nur einen Mini- oder Teilzeitjob, der kein existenzsicherndes Einkommen garantiert. Die anderen hingegen, die eine Vollzeitstelle haben, stehen viel zu oft unter dem Druck, Überstunden machen zu müssen, dem Druck der ständigen Erreichbarkeit und der immer stärkeren Verdichtung von Arbeit. Hier brauchen wir Konzepte der allgemeinen Arbeitszeitverkürzung: Die Vollzeitbeschäftigten können kürzertreten – natürlich mit einem Lohnausgleich –, damit andere einen Job bekommen oder etwas länger arbeiten können, damit das Geld ausreicht. Die Teilzeitjobs müssen selbstverständlich auch besser bezahlt werden.

Gerade in Zeiten von Digitalisierung und Roboterisierung sind die Kämpfe um Arbeitszeitverkürzung aktueller denn je. Technischer Fortschritt gehört zur Menschheitsgeschichte. Dass technischer Fortschritt uns Arbeit abnimmt, ist doch an sich etwas Großartiges. Doch wenn über die Umbrüche im Zuge von Industrie 4.0 oder der Digitalisierung gesprochen wird, ist da oft viel Zukunftsangst im Spiel. Ja, es stehen Umbrüche an und die Prognosen, wie viel Prozent der heute existierenden Arbeitsplätze in Kürze hinfällig sind, gehen auseinander. Aber wenn diese Entlastung von vielen als Bedrohung erlebt wird, offenbart sich doch, dass da etwas grundlegend falsch organisiert ist in unserer Gesellschaft. Nicht der technische Fortschritt, sondern die Verteilung seiner Früchte ist das Problem. Eine besonders gute Form, alle am technischen Fortschritt teilhaben zu lassen, ist die radikale Verkürzung und zugleich gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeitszeit. Zeitwohlstand für alle ist möglich!

© estherpoon | fotolia.com

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Zeitgerechtigkeit in der Familie

Zu den großen Verteilungsungerechtigkeiten gehört auch die Verteilung der Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern. Auf den Hinweis, dass Frauen im Durchschnitt doppelt so viel unbezahlte Arbeit in Pflege und Erziehung und im Haushalt leisten, wenden Konservative gerne ein, das sei ja reine Wahlfreiheit.

Ich bezweifle, dass die Aufteilung der Tätigkeiten zwischen Mann und Frau das Ergebnis einer gleichberechtigten Abwägung der Wünsche ist. Vielmehr werden äußere Faktoren wirken, wie etwa überlieferte, aber immer noch wirksame Rollenmuster, geschlechterspezifisch anerzogene Erwartungen, aber auch ökonomische Zwänge in einer Arbeitswelt, in der Männer im Schnitt höhere Einkommen haben. Inzwischen wissen wir ja auch dank verschiedener Untersuchungen, dass die Wünsche der Menschen in eine andere Richtung gehen als die bisherige Praxis. Viele Frauen möchten aktive Elternschaft und beruflichen Erfolg als Selbstverständlichkeit vereinbaren. Viele junge Väter wünschen sich von ganzen Herzen mehr Zeit für die Familie. Eine verkürzte Erwerbsarbeit würde auch Männern mehr Zeit für die Familie geben. Und beiden Partner/-innen auch mehr Zeit für sich selbst.

Mehr Zeit-Souveränität

Wir müssen also ran an das Thema Arbeitszeitverkürzung, allerdings immer in Verbindung mit der Umverteilung der Tätigkeiten zwischen Mann und Frau. Vorschläge dafür gibt es viele: „Kurze Vollzeit“ heißt ein Konzept der Arbeitszeitverkürzung. Auch gesetzlich garantierte und finanziell abgesicherte Sabbaticals für alle tragen zu mehr Zeitsouveränität bei. Und eine bedeutende Verlängerung der Elternzeit, wenn Männer die Hälfte davon wegtragen. Viele diskutieren auch das Grundeinkommen, welches jedem Menschen und Partnerschaften ermöglicht, Erwerbsarbeit, Familien- und Hausarbeit, Bildung und Zeit fürs politische Engagement besser unter einen Hut zu bringen. Unter einen weiten Hut, der genug Luft lässt für freie Zeit nur für sich selbst. Ein eng sitzender Hut drückt!

Alle diese Konzepte gehören endlich auf die politische Agenda. Sie müssen öffentlich diskutiert werden. Sie können in der Umsetzung sinnvoll kombiniert werden. Es geht letztlich um mehr Zeit und weniger Stress. Wie wäre es damit?

 

© Anke Illing, www.photocultur.de

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Katja Kipping, MdB

Ko-Vorsitzende der Partei DIE LINKE (seit 2012, gemeinsam mit Bernd Riexinger). Sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag, dem sie seit 2005 angehört.

 

 

 

 

 

Diesen und weitere Impulsbeiträge aus der Gesellschaft finden Sie in der kommenden Ausgabe “Die Mediation” Q4-2017 ab 28.09.2017 auf www.die-mediation.de sowie beim Zeitschriftenhändler Ihres Vertrauens.

Die nächste Ausgabe erscheint mit dem Schwerpunktthema: Systemisch Denken

Mehr dazu in Kürze!

Ein Kommentar zu Wie wäre es mit mehr Zeit?

  1. Krusche sagt:

    Der Artikel übersieht eines:
    Frau Kipping spricht für alle ! Menschen.

    Doch wir sind alle Individuen, und deshalb muss jeder selbst entscheiden, was er mit seinen 24 h täglich macht. Das ist keine Sache der Politik. Viele Menschen stressen sich von ganz allein; d.h. machen sich selbst (inneren) Druck und meinen daher, keine Zeit zu haben.

    Wenn jemand 2 od. mehr kurzfristige Beschäftigungen ausübt, dann, weil es ihm ggf. an Bildung fehlt und er deswegen keine and. Arbeit findet. Mangelnde Bildung ist aber ggf. darauf zurück zu führen, dass der Mensch in jungen Jahren nicht bereit war, in Bildung zu investieren. Und dass soll man dann später im Alter belohnen? Das Ergebnis seiner mangelnden Inv. in Ausbildung (Zeit als heranreifender Erwachsender) ist dann Mehrarbeit als Erwachsener. Scheint also ger4echt zu sein. Jeder bekommt, was er verdient.

    In einem Punkt gebe ich ihr Recht:

    Zeit ist auch eine Frage des Erwerbseinkommens. Aber kein Unternehmer wird für weniger Arbeitszeit gleichviel bezahlen.

    Wer das Geld hat (das sind die Unternehmen), hat auch die Macht und damit auch die Macht, über die Zeit anderer zu entscheiden, so traurig das klingt.

    Wie soll das gelöst werden?

    Denn den Lohn vereinbaren AG und AN – nur diese.

    Denn zwar fordert Frau Kipping mehr Zeit für die Menschen, doch Lösungen zeigt sie keine auf. Das ist der Manko ihres Artikels.

    MfG
    V.Krusche
    http://www.frieden-durch-mediation.de

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