23 Aug

Konfliktlösung mit Stoppuhr – geht das?!

veröffentlicht 23. August 2017 abgelegt unter Allgemein, Verhandlung

„Zeit ist Geld“ schrieb Benjamin Franklin schon 1748 jungen Kaufleuten ins Stammbuch. Alles muss ganz schnell gehen. Dies gilt natürlich auch für die Konfliktklärung. Warum eigentlich? Es ist an der Zeit, dies zu hinterfragen.

Ich habe keine Zeit …

Hoher Termindruck, ein Meeting jagt das nächste, alles muss ganz schnell gehen. Und doch haben wir ständig das Gefühl, nicht alles geschafft zu haben, keine Zeit zu haben.

Wir leben in einer Diktatur der Uhr, wie der Zeitforscher Karlheinz Geißler feststellte. Eine Diktatur, in der wir uns scheinbar wohl fühlen. Denn Hand aufs Herz: Wer ausreichend Zeit hat, macht in Wahrheit scheinbar etwas falsch, ist nicht ausgelastet, hat keine Aufträge, keine Freunde oder lebt auf Kosten anderer. Zeitnot hingegen gehört zum guten Ton, macht uns wichtig.

©Fotolia || pinkyone

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Optimierungswahn und Zeitkonflikte

Angebote zu Work-Life-Balance, Burn-out-Prävention oder Zeitmanagement haben Hochkonjunktur. Meist dienen sie dazu, „Zeitfresser“ ausfindig zu machen. Mit fataler Wirkung, denn so wird der Zeitoptimierungswahn nur noch verstärkt. Müsste die eigentliche Frage doch vielmehr lauten: Worauf kann ich verzichten?

Dieser Effizienzwahn ist keineswegs auf die berufliche Tätigkeit beschränkt. „Freizeit“ gibt es längst nicht mehr. Das Wochenende wird durchgeplant, die Kinderbetreuung optimiert, im Gespräch mit Freunden werden nervös Nachrichten gecheckt. Wir könnten ja an anderer Stelle etwas verpassen. Langweilen, Warten, Anstehen? Zeitverschwendung.

Eine unausweichliche Folge sind Zeitkonflikte: Wenn beispielsweise Zeit für die Pflege von emotionalen Beziehungen mit den Anforderungen der modernen ökonomisierten Arbeitswelt kollidiert.

Zeit für die Konfliktklärung

Auch sind wir zunehmend nicht bereit, uns für die Konfliktklärung „Zeit zu nehmen“.

Die Konfliktlösung folgt (zeit-)ökonomischen Kriterien. Ein Paradoxon, investieren wir doch meist sehr viel Zeit und Energie in die „Pflege“ von Konflikten. Manchmal über Jahre, gelegentlich auch bis zum Ende der Lebenszeit. Und obwohl wir also viel Zeit in den Konflikt investieren, sind wir nicht bereit, Zeit in dessen Lösung zu investieren? Dann muss die Konfliktlösung ganz schnell gehen? Und wenn dies nicht gelingt, investieren wir lieber wieder Zeit in den Konflikt?

Geduld ist der Schlüssel

Keine Frage, Zeitdruck kann in manchen Konstellationen durchaus hilfreich sein, um Bewegung in festgefahrene Konfliktmuster zu bringen.

Ich empfehle jedoch, zunächst innezuhalten und zu hinterfragen: Seit wann besteht der Konflikt? Wie viel Zeit habe ich in den Konflikt schon investiert? Ist es vor diesem Hintergrund wirklich realistisch, den Konflikt in kürzester Zeit zu lösen? Und wie lässt sich meine „Konflikt-Energie“ in Lösungsenergie umwandeln? Welche Kraft steckt im „Zeitnehmen“? Worin liegt der Reiz der „Unvollkommenheit“, des Ungeklärten, des Offenen?

Konfliktlösung erfordert manchmal Geduld, Ausdauer, Zeit. Es wird sich lohnen, sie sich zu nehmen!

Hinweis: Mehr zum Thema „Fragen“? Einen Podcast mit Mediator Bernhard Böhm und der Change-Expertin Melanie Conrad finden Sie unter:

http://www.changeatwork.de.

Ein Kommentar zu Konfliktlösung mit Stoppuhr – geh ...

  1. Krusche says:

    Hier geht mein Dank an Hanna Milling.
    Ihre Geschichte hierzu von Till Eulenspiegel und dem Kutscher ist zutreffend und hilfreich.

    Danke, Frau Milling.

    V.Krusche

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