24 Jul

„Re-Framing“ für politisches Framing!

veröffentlicht 24. Juli 2018 abgelegt unter Aktuell, Allgemein, Erfolgreich am Markt - Best Practice, Literarische Konfliktanalyse, Politische Kolumne
Politik sollte Vorbildcharakter bei der Wortwahl haben

Mit diesen Worten warnte Bundespräsident Steinmeier kürzlich vor Verrohung der Sprache in der Asylpolitik und mahnte Politiker und vor allem digitale Medien, zurück zur Vernunft zu kommen und auf die Wortwahl zu achten. „Wie sollen wir denn hier vor Ort mit Augenmaß und mit Vernunft um das richtige Argument streiten, wenn die große Politik ihren Vorbildcharakter nicht wahrnimmt.“ Steinmeier zielte dabei direkt auf den Konflikt zwischen CDU und CSU bei der Diskussion um die Abweisung von Migranten an der Grenze.

Erleben wir Verrohung nur in der Asylpolitik? Leider nein! Gauland bezeichnet die Nazizeit, in der über 6 Millionen unschuldige Menschen ermordet wurden, als einen Fliegenschiss in der deutschen Geschichte. Seehofer wähnte sich glücklich, – so schien es – dass 69 Flüchtlinge ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag nach Kabul abgeschoben wurden, wovon sich nur einen Tag später ein Mensch das Leben genommen hat.

Reframing

Reframing

Politisches Framing

Politisches Framing setzt bewusst einen Bedeutungsrahmen. Um politische Vorgänge zu erklären und zu veranschaulichen, werden Begriffe aus dem Alltagsleben genutzt, die Menschen mit Gefühlen, konkreten Bildern, Geräuschen, sogar mit Gerüchen verbinden. So ruft der Begriff „Asyltourismus“ eine Begriffsvorstellung in unserem Hirn auf, die Sonne, Ferien, Meeresrauschen, Seeluft und eine kurze Abwesenheit von zu Hause suggerieren kann. Doch diese Assoziationen treffen diesen Vorgang nicht im Mindesten. Hier geht es um Menschen, die auf der Flucht sind, vor Krieg, Hunger, Armut. Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und deren Rückkehr ausgeschlossen ist, weil da, wo sie herkommen, nichts mehr ist.

Reframing – unverzichtbar in Mediationen

Wir Mediatoren arbeiten auch mit Framing – allerdings einem Re-Fraiming. Wir versuchen, negative, abwertende oder feindselige Aussagen und Bemerkungen, die in Konflikten nicht ungewöhnlich sind, umzudeuten, zu neutralisieren und in eine konstruktive Richtung zu bewegen. Konkret im inhaltlichen Reframing versuchen wir, das Gesagte auf seinen sachlichen Inhalt zurückzuführen, auf den Kern des im Konflikt aggressiv Ausgedrückten zu kommen, und so den Konflikt letztlich besprechbar oder auch verhandelbar zu machen.

Horst Seehofer hat den Anstand verloren

Politisches Framing

Politisches Framing

 

Das war die Überschrift der Süddeutschen Zeitung am 11. Juli zu Seehofers Äußerung, dass ausgerechnet an seinem Geburtstag 69 Menschen abgeschoben wurden – über 50 davon waren übrigens keine Gefährder.

Wie kommt es, dass Menschen heute Dinge öffentlich sagen und im Netz verbreiten, die noch wenige Jahre vorher niemand gewagt hätte, laut auszusprechen? Was ist der Auslöser dieser Verrohung? Fehlt es den Menschen an Menschlichkeit, an Empathie, an Respekt gegenüber Menschen, die auf der Flucht sind, die – wie sie selbst – nach einem menschenwürdigen Leben in Frieden, ohne Hunger oder Verfolgung suchen?

Wir Mediatoren und Mediatorinnen und Coaches verfügen über das Handwerkszeug des Reframings. Wir können einiges dazu beitragen, diese Frames, die über die Medien verbreitet werden, zu enttarnen und sie auf Ihren tatsächlichen Sachverhalt zurückführen – auf die Bedeutung, die sie real haben. Und Anstand könnte dabei ein wichtiger Anhaltspunkt sein, um wieder vernünftig ins Gespräch zu kommen, um (auch christliche – die der Buchstabe C bei der CSU ausdrücken soll) Werte wie Empathie, Großzügigkeit, Nächstenliebe, Freundlichkeit, Wohlwollen, Solidarität oder Demut wieder in die aktuelle Debatte zu bringen.

Anstand – sozialer Schmierstoff

Axel Hacke erkundet den Begriff Anstand von vielen Seiten in seinem sehr lesenswerten kleinen Buch: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Unter anderem kann man dort lesen: Anstand sei „so etwas wie eine Art sozialer Schmierstoff, der jede Gesellschaft zum Funktionieren bringt“. Oder wenn sie eben nicht mehr funktioniert, „… dass Dinge ins Rutschen geraten sind, die eigentlich selbstverständlich sein sollten und eigentlich selbstverständlich waren …, dass Menschen sich unanständig verhalten.“

Quellen:

Axel Hacke. Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen. Kunstmann München 2017. S. 30 und S. 165f

Politisches Fraiming: https://www.tagesspiegel.de/politik/politisches-framing-was-begriffe-wie-asyltourismus-in-unserem-gehirn-ausloesen/22803290.html

 

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