Mediation ist amoralisch

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mit der oben zitierten Überschrift betitelte die taz vor Jahren ein Interview mit mir. Wenn ich in Vorträgen und Seminaren mit dieser These auftrete, wirkt sie zuerst sehr provokativ – leben wir doch gerade in einer Zeit, in der ein besonderer Wert auf „Haltung“, auf wertegeleitetes Handeln gelegt wird. Aber was bedeutet es denn, wenn Mediatorinnen und Mediatoren nicht moralisch in der Profession agieren sollten? Es bedeutet nichts anderes, als dass es ihnen nicht ansteht, die Moral der Streitenden zu bewerten. Das ist der tiefe Sinn der Prinzipien von Neutralität und Parteilichkeit im Mediationsverfahren. Und dies legt wiederum die Latte an die Professionalität sehr hoch: Wir können im strengen Sinn nicht wertfrei agieren. Demzufolge bedeutet es harte Arbeit an der eigenen Professionalität, den eigenen Aktionsraum im Sinne von Akzeptanz des Verhaltens anderer zu erweitern. Parteien müssen das klare Urteil im Prozess abgeben können, dass sie von Mediierenden in gleicher Weise in ihrer Lebenswirklichkeit respektiert wurden. Das heißt im Klartext: Ein Mediator beurteilt nicht!

Was machen wir aber, wenn wir doch fortwährend von verschiedenen Triggern getrieben werden, sowohl in die positive als auch in die negative Richtung? Der erste und zunächst einfachste – und auch notwendige – Schritt ist es, mit Mediationsverfahren mit diesem Schwerpunkt in eine Fallsupervision bei einem erfahrenen Mediationssupervisor zu gehen.

Ein weiterer, grundlegender Schritt ist es – beginnend in der Ausbildung, fortgesetzt ein Leben lang –, sich mit diesen Triggern auseinanderzusetzen. Einen guten Zugang bietet hierfür die Theorie des Analytikers Carl Gustav Jung. Seine „Schattentheorie“ besagt im Grundsatz: Wenn wir bei einem anderen etwas ablehnen, ihn zum Beispiel unsympathisch finden, dann hat das in erster Linie etwas mit uns selbst zu tun. Unser „Schatten“ fällt auf die andere Person. Es gilt also an dem zu arbeiten, was diesen Schatten wirft. Es ist jeweils unsere eigene Lebensgeschichte. Die Arbeit daran kann das Spektrum der Fälle, an denen man als Mediator arbeiten kann, zunehmend erweitern (Gleiches gilt auch für den positiven „Schatten“). Maja Storch von der Universität Zürich meinte einmal in einem Vortrag: Wenn unser Leben lang genug wäre, könnten wir am Ende mit allen Menschen arbeiten. In diesem Sinne wünsche ich insbesondere allen Mediatorinnen und Mediatoren ein langes Leben und eine gute Arbeit an sich selbst.

Einen guten Start ins neue Jahr!

Herzlichst

Ihr Prof. Dr. Gernot Barth

 

 

Bildquelle: Susanne Wagner

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