Was wir beim Aufbau von heymediation.de über den Zugang zur Mediation gelernt haben
Von: Sophie Darrmann, Johannes Darrmann
Konflikte gehören zum Leben. Sie entstehen in Familien, Unternehmen, Nachbarschaften oder Teams. Sie lassen sich nicht immer vermeiden – und vielleicht sollten wir das auch gar nicht erwarten. Denn häufig treffen berechtigte Interessen, Bedürfnisse oder Erwartungen aufeinander. Konstruktiv bearbeitet, können Konflikte neue Perspektiven eröffnen und Entwicklung ermöglichen.
Unsere Überzeugung ist deshalb: Menschen sollten zunächst die Möglichkeit haben, Konflikte eigenständig, gütlich und respektvoll zu lösen. Wo das nicht gelingt, sollte Mediation möglichst früh zugänglich sein. Erst wenn dadurch keine tragfähige Lösung erreicht werden kann oder Mediation nicht geeignet ist, sollten weitere Wege – etwa rechtliche Schritte – in Betracht gezogen werden.
Diese Haltung war ein wesentlicher Ausgangspunkt für die Gründung von heymediation.
Zwei Jurist:innen mit einer anderen Perspektive auf Konfliktlösung
Unser beruflicher Hintergrund als Volljuristin und Wirtschaftsjurist hat uns früh mit rechtlichen Konflikten und unterschiedlichen Formen der Konfliktlösung in Berührung gebracht. Dabei haben wir gelernt, welchen wichtigen Beitrag das Rechtssystem leistet.
Gleichzeitig haben wir erlebt, dass eine rechtlich durchgesetzte Lösung nicht zwangsläufig nachhaltig ist. Ein Konflikt kann rechtlich entschieden und menschlich dennoch ungelöst bleiben – besonders dort, wo Menschen auch danach miteinander verbunden bleiben.
Mediation eröffnet einen anderen Weg: Die Beteiligten übernehmen selbst Verantwortung, verstehen unterschiedliche Perspektiven und entwickeln gemeinsam eine tragfähige Lösung. Nicht als Gegenentwurf zum Rechtssystem, sondern als sinnvolle Ergänzung.
Die erste Frage sollte nicht immer lauten: „Wer hat Recht?“
Nicht jeder Konflikt braucht professionelle Unterstützung. Im Idealfall gelingt es Menschen selbst, unterschiedliche Interessen anzusprechen, einander zuzuhören und gemeinsam Lösungen zu finden.
Doch manchmal sind die Fronten verhärtet, Emotionen stark oder eine neutrale Perspektive fehlt. Genau hier kann Mediation ansetzen. Mediator:innen entscheiden nicht, wer Recht hat, sondern schaffen einen strukturierten Rahmen, in dem die Beteiligten wieder miteinander ins Gespräch kommen und eigenständig Lösungen entwickeln.
Die eigentliche Herausforderung beginnt häufig schon vor der Mediation
Mit dieser Überzeugung haben wir uns gefragt: Was passiert, wenn jemand zum ersten Mal nach einer Mediation sucht?
Die Suche beginnt häufig im Internet – und dort zeigt sich ein sehr heterogenes Bild. Neben hervorragend ausgebildeten Mediator:innen finden sich veraltete Webseiten, fehlende Angaben zu Qualifikation oder Schwerpunkten und schwer erreichbare Anbieter:innen.
Für Konfliktparteien ist deshalb oft schwer zu beurteilen: Wer passt zu meinem Konflikt – und woran erkenne ich eine gute Qualifikation?
Auch Unterschiede bei Ausbildung, Zertifizierung und Erfahrung sind für Außenstehende schwer einzuordnen. Informationen müssen zusammengesucht, Angebote verglichen und Kontaktmöglichkeiten geprüft werden.
So entsteht eine paradoxe Situation: Es gibt viele qualifizierte Mediator:innen – aber sie sind nicht immer leicht zu finden und zu vergleichen.
Ein erster Test hat uns gezeigt, wie groß der Bedarf ist
Wir wollten deshalb testen, ob wir konkret helfen können. Zunächst bauten wir eine einfache Landingpage, um herauszufinden, wie viele Menschen nach Mediation suchen und welche Fragen sie dabei haben.
Innerhalb eines Jahres erreichten uns rund 900 Mediationsanfragen aus ganz Deutschland. Etwa 600 davon konnten wir erfolgreich an Mediator:innen aus unserem Netzwerk vermitteln.
Noch wichtiger waren die Gespräche mit den Konfliktparteien. Dabei haben wir gelernt: Der Zugang beginnt lange vor der Kontaktaufnahme. Menschen müssen wissen, dass Mediation infrage kommt, Orientierung zu Ablauf, Qualifikation und Schwerpunkten erhalten und schließlich eine fachlich und persönlich passende Person finden.
Was wir daraus gelernt haben
Vier Erkenntnisse waren für uns besonders wichtig:
Erstens: Mediation muss sichtbarer werden. Viele Menschen kennen den Begriff, wissen aber nicht, wann Mediation sinnvoll ist oder wie sie abläuft.
Zweitens: Der Zugang muss einfacher werden. Niemand sollte zahlreiche Webseiten durchsuchen müssen, um passende Unterstützung zu finden.
Drittens: Qualifikation und Erfahrung müssen transparenter werden. Ausbildungswege, Zertifizierungen und Spezialisierungen brauchen eine verständliche Einordnung.
Viertens: Passung ist entscheidend. Fachliche Erfahrung, Arbeitsweise und Konfliktsituation müssen zusammenpassen.
Qualität ist deshalb für uns kein Zusatz, sondern Grundlage
Bei der Entwicklung von heymediation orientieren wir uns bewusst an gesetzlichen und fachlichen Qualitätsstandards. Das Mediationsgesetz und die Standards der Mediationsverbände schaffen wichtige Orientierung – sind Konfliktparteien aber häufig nicht im Detail bekannt.
Unsere Aufgabe sehen wir deshalb darin, relevante Informationen verständlich zugänglich zu machen und Menschen dabei zu unterstützen, qualifizierte und passende Mediator:innen zu finden.
Digitalisierung soll den Zugang erleichtern – nicht die Mediation ersetzen
Digitale Angebote können vor allem bei Sichtbarkeit, Orientierung, Vergleichbarkeit und Zugang helfen.
Darum ist heymediation entstanden. Die Plattform soll Konfliktparteien helfen, qualifizierte Mediator:innen einfacher zu finden und anhand transparenter Informationen eine erste Orientierung zu bekommen. Die persönliche Arbeit soll dabei nicht ersetzt werden. Die Qualität einer Mediation entsteht weiterhin im Dialog zwischen Menschen.
Eine Gesellschaft, in der konstruktive Konfliktlösung selbstverständlich wird
Unsere Vision geht über eine Plattform hinaus. Wir wünschen uns, dass Mediation als selbstverständliche Möglichkeit verstanden wird, Konflikte frühzeitig, konstruktiv und nachhaltig zu bearbeiten.
Dafür muss sie nicht nur qualitativ hochwertig, sondern auch bekannt, verständlich und erreichbar sein. Unsere Erfahrung beim Aufbau von heymediation hat uns gezeigt: Der Zugang zur Mediation ist selbst ein Teil der Konfliktlösung.
Vielleicht beginnt ein anderer Umgang mit Konflikten deshalb mit einer kleinen Veränderung unserer ersten Frage.
Nicht nur: „Wer hat Recht?“
Sondern auch: „Wie können wir diesen Konflikt gemeinsam lösen?“