18 May

Das Salomon-Paradox – wie mit den eigenen inneren Konflikten umgehen?

veröffentlicht 18. Mai 2018 abgelegt unter Aktuell, Allgemein, Wissenschaftliche Kolumne

von Klaus Harnack

 

Ein jeder kehre vor seiner Tür, Und rein ist jedes Stadtquartier.

Johann Wolfgang von Goethe (* 1749, † 1832)

Was uns der gute alte Goethe hier als Bürgerpflicht mit auf den Weg gibt, funktioniert womöglich in der Nachbarschaft, aber sicherlich nicht in der Welt der eigenen Gedanken – denn hier hindern uns eine Reihe von Faktoren am systematischen und gründlichen Kehren – der Dreck vor der eigenen Türe bleibt liegen, auch oder gerade wenn wir mit den Methoden der Konfliktlösung vertraut sind. Frei nach dem Motto: „Des Gärtners Garten sieht oft am ungepflegtesten aus“. Gründe für diese Einschränkungen und die getrübte Sicht auf die eigenen Konflikte sind unser egozentrischer Blick, die selektive Wahrnehmung und der Druck der kognitiven Dissonanz, die uns immer zu einem kohärenten Selbstbild zwingt.

König Salomon

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Das Salomon-Paradox

Ein illustrierendes Beispiel für die These, unserer Unfähigkeit mit eigenen bzw. inneren Problem umzugehen ist eine der klassischsten Figuren der Weisheitsgeschichte, König Salomon. Nach der biblischen Erzählung ist der dritte Herrscher des Königreiches Israel ein Paradebeispiel für große Weisheit, Gerechtigkeit und die Fähigkeit, Konflikte nachhaltig zu lösen. Es wurde überliefert, dass Menschen in jener Zeit große Strecken gereist sind, um sich den Rat des Königs einzuholen. Doch bei etwas genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass des Königs Weisheit und sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn nur für dritte Personen zutraf und er für seine eigenen Probleme und Handlungen wenig Weisheit übrighatte. So wird beispielsweise berichtet, dass er den Sklavenhandel in seinem Lande forcierte, er Vielweiberei frönte und seinen Sohn sehr schlecht behandelt haben soll[i], alles Handlungen, die nicht zu dem Bild eines weisen Menschen passen. Basierend auf dieser janusartigen Wesensart ist das Paradox des Salomon entstanden und beschreibt im Kern, dass Menschen weiser, vernünftiger und umsichtiger über die Probleme anderer urteilen können, als sie dies über ihre eigenen Probleme tun.

Die Wege aus der inneren Falle

Generell gibt es zwei Ansätze um dem salomonischen Paradox zu entkommen. Beide Ansätze setzten auf den Blick von außen. Die naheliegende Variante schlägt eine echte Arbeitsteilung vor: Wir holen uns die Sichtweise und den Rat einer außenstehenden Person ein, um die inneren Konflikte zu beleuchten und möglicherweise zu lösen – so entkommen wir den Verzerrungen der eigenen Wahrnehmung. Eine zweite Variante setzt auf die Simulation dieses Verfahrens. Wir simulieren eine außenstehende Sichtweise und umgehen somit unsere Beschränkungen. Untermauerung dieser Vorgehensweise bietet eine Studienreihe von drei Experimenten[ii] der Psychologen Igor Grossmann und Ethan Kross. Das erste Experiment konnte den Haupteffekt replizieren, dass wir über Probleme Anderer weiser urteilen als über unsere eigenen. Das zweite Experiment konnte zeigen, dass dieser Unterschied verschwindet, wenn wir uns von uns selbst distanzieren. Das dritte Experiment hat untersucht, ob das Lebensalter diesen Effekt beeinflusst. Die Annahme, dass älter Menschen (60-80 Jahre) weiser urteilen verglichen zu jüngeren Menschen (20-40 Jahre) konnte nicht bestätigt werden, sondern nur, dass die Intervention der Selbstdistanzierung über alle Altersstufen hinweg gut funktionierte. Ähnliche psychologische Interventionstechniken sind weit verbreitet, wie zum Beispiel der Münchhausentrick (dialectical bootstrapping) von Herzog und Hertwig[iii], bei dem man sich die Weisheit der Vielen (wisdom of the crowds) auch innerhalb der eigenen Person aneignen kann. Hierbei werden eigene Einschätzungen von Sachverhalten verbessert unter der Einbeziehung von Urteilen die womöglich andere Personen treffen würden.

Ein Selbstgespräch in der zweiten Person

Die Beleuchtung des inneren Konflikts zeigt, dass er untrennbar mit dem Phänomen des inneren Dialoges verbunden ist. Der amerikanische Psychologe Ethan Kross[iv] hat zusammen mit seinen Kollegen dieses Thema näher beleuchtet und in einer Studie herausgefunden, dass es auch bei Selbstgesprächen einen bedeutenden Unterschied macht, ob man während des inneren Dialoges die erste Person benutzt, sich selbst mit „Ich“ adressiert, oder ob wir gedanklich aus uns heraustreten und uns in der zweiten Person ansprechen. In dieser Studie hatten die Teilnehmer die Aufgabe, in kurzer Zeit eine Rede für sich selbst vorzubereiten. Es wurde deutlich, dass die Teilnehmer, die in dieser kurzen Vorbereitungsphase sich selbst in der zweiten Person ansprachen, nicht nur die besseren Reden hielten, sondern auch selbstbewusster waren und weniger Angst hatten, als die Teilnehmer, die in der klassischen ersten Person über sich selbst reflektierten.

Concept of a narcissistic and egoistic man

Der Weg aus der eigenen Falle

Zur Begründung für diese Verbesserung, argumentieren die Autoren, dass Menschen den Hindernissen anderer Menschen mit größerer Vernunft und Einsicht begegnen, ähnlich König Salomon und somit gelassener bleiben. Die Sichtweise auf das eigene Selbst wird mannigfaltiger und erfährt nicht die starke Fokussierung auf die eigenen Ängste. In Summe: Vertrauen Sie ihre inneren Konflikte lieber ihrem echten oder erdachten Freunden an, bevor sie sich selber an der Lösung probieren.

Referenzen:

Grossmann, Igor, und Ethan Kross. „Exploring Solomon’s Paradox: Self-distancing eliminates the self-other asymmetry in wise reasoning about close relationships in younger and older adults“. Psychological Science 25, Nr. 8 (2014): 1571–1580.

Herzog, S. M., und R. Hertwig. „The Wisdom of Many in One Mind Improving Individual Judgments With Dialectical Bootstrapping“. Psychological Science 20, Nr. 2 (2009): 231–237.

Kross, Ethan, Emma Bruehlman-Senecal, Jiyoung Park, Aleah Burson, Adrienne Dougherty, Holly Shablack, Ryan Bremner, Jason Moser, und Ozlem Ayduk. „Self-talk as a regulatory mechanism: how you do it matters.“ Journal of Personality and Social Psychology 106, Nr. 2 (2014): 304–24.

Parker, Kim Ian. „Solomon as philosopher king? The nexus of law and wisdom in 1 Kings 1-11“. Journal for the Study of the Old Testament 17, Nr. 53 (1992): 75–91.

 

[i] Kim Ian Parker, „Solomon as philosopher king? The nexus of law and wisdom in 1 Kings 1-11“, Journal for the Study of the Old Testament 17, Nr. 53 (1992): 75–91.

[ii] Igor Grossmann und Ethan Kross, „Exploring Solomon’s Paradox: Self-distancing eliminates the self-other asymmetry in wise reasoning about close relationships in younger and older adults“, Psychological Science 25, Nr. 8 (2014): 1571–1580.

[iii] S. M. Herzog und R. Hertwig, „The Wisdom of Many in One Mind Improving Individual Judgments With Dialectical Bootstrapping“, Psychological Science 20, Nr. 2 (2009): 231–237.

[iv] Ethan Kross u. a., „Self-talk as a regulatory mechanism: how you do it matters.“, Journal of Personality and Social Psychology 106, Nr. 2 (2014): 304–24.

 

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3 Kommentare zu Das Salomon-Paradox – wie mit den ...

  1. Liebes “die-Mediation”-Team !
    Erst einmal danke für Eure Texte, die immer wieder gute Gedanken und Ansätze liefern!
    Zum Salomon-Paradoxon ist mir eigefallen, dass wohl eine der Grundsäulen vieler Konflikte die Tatsache ist, dass viele von uns sich selber zu ernst nehmen.
    Ich brauch hier nur an mich nehmen, welche Kleinigkeiten mich oftmals auf die Palme bringen können. Manchmal hilft dann nur ein schallendes Gelächter über die eigene Dummheit und schon sind viele unlösbare Knoten (wenn schon nicht durchschlagen) einfach verschwunden.

    Ein Gedanke dazu in Reimform:

    https://ulrichsblog.wordpress.com/2017/10/11/alltag-in-der-stadt/

    mit herzlichen und kollegialen Grüßen
    Ulrich Wanderer

    • Jonathan Barth says:

      Lieber Herr Ulrich Wanderer,

      da haben Sie recht – Lachen ist oftmals die beste Medizin!

      Beste Grüße,
      “Die Mediation”

  2. […] Es geht dabei darum, einen kritischen Abstand zwischen den eigenen Gedanken und Emotionen und der Beschwerde oder Reklamation zu schaffen. Die Frage ob dies auch hilft um dabei dann gelassener zu werden und eine positivere Einstellung zu bekommen, haben unter anderem die US Psychologin Ozlem Ayduk und ihr Kollee Ethan Kross untersucht (Salomon-Paradox). […]

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