Mobilitätskonzepte der Zukunft – Interview mit Prof. Dr. Andreas Knie

Das Thema Mobilität ist eng mit der Verkehrswende verknüpft. Dabei spielen vor allem die Nutzung des öffentlichen Personen(nah-)verkehrs sowie Transportmittel auf der Basis von erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle. Dennoch werden diese Entwicklungen teils (noch) gehemmt, beispielsweise durch reaktionäre Tendenzen. Der Soziologe Andreas Knie gibt Auskunft über Mobilität und Verkehr in der Zukunft – und darüber, welche Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin bewältigt werden müssen.

Professor Dr. Andreas Knie im Interview mit der Mediation

 

Wie definieren Sie Mobilität?

Mobilität ist die geistige Beweglichkeit und findet daher im Kopf statt. Verkehr ist dagegen die konkrete Ortsveränderung, die man dann auch in Personen- oder Tonnenkilometern oder durch die Zahl der Wege messen kann.

In verschiedenen Aufsätzen und Interviews plädieren Sie für eine sogenannte Verkehrswende. Was genau verstehen Sie darunter und welcher Art ist der damit verbundene kulturelle Wandel, den Sie einfordern?

Die Verkehrswende bedeutet im Kern, nicht mehr der Besitz eines Automobils ist entscheidend, sondern dessen Nutzung, die dann nicht mehr ausschließlich im Auto, sondern in Kombination mit Rad, Bussen und Bahnen auf Basis erneuerbarer Energien stattfindet.

„Tendenziell könnte zumindest in Europa viel Destination bei entsprechender Preis- und Angebotsgestaltung durch die Schiene ersetzt werden.“

Im Berufsleben wird von Arbeitnehmern erwartet, dass sie jederzeit mobil sind, und auch im Privatleben vieler Mitteleuropäer ist eher eine Zu- denn Abnahme von Reisetätigkeit zu beobachten. Vor allem Flugreisen sind für immer mehr Menschen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Können Sie sich vorstellen, dass der Trend weiterhin anhält, oder sehen Sie Grenzen für dieses Wachstum?

In der Tat hält dieser Trend an. Der Möglichkeitsraum wird immer größer, heute begreifen Jugendliche die Welt als Dorf. Man reist wie selbstverständlich zwischen den Städten Europas und natürlich auch gerne interkontinental. Das machen nicht alle, aber immer mehr Menschen. Dies hängt einerseits an den digitalen Medien, die uns jeden Ort der Welt sofort und unmittelbar nahebringen, und natürlich an den rapide gesunkenen Flugpreisen. Noch bis in die späten 1970er-Jahre kostete ein Ticket zwischen den USA und Deutschland durchschnittlich umgerechnet 2.000 Euro. Heute sind es knapp 800 Euro. Dies wird nicht immer so bleiben, aber noch für die nächsten 20 bis 30 Jahre anhalten. Tendenziell könnte zumindest in Europa viel Destination bei entsprechender Preis- und Angebotsgestaltung durch die Schiene ersetzt werden.

„Der Nettoeffekt von Arbeitsplatzverlusten durch die Umstellung auf Elektromobilität [ist], wenn überhaupt, nur gering“.

Sie plädieren, vor allem aus Klimaschutz- und Umweltgründen, für einen forcierten Ausbau der Elektromobilität, das heißt weg vom Verbrennungsmotor, hin zu elektrisch betriebenen Fahrzeugen. In der Automobilindustrie arbeiten jedoch Zehntausende Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Fahrzeuge mit Benzin-oder Dieselmotoren herzustellen. Welche Perspektiven sehen Sie für diese Menschen und die deutsche Automobilindustrie insgesamt?

Eine Reihe von Studien belegt mittlerweile, dass der Nettoeffekt von Arbeitsplatzverlusten durch die Umstellung auf Elektromobilität, wenn überhaupt, nur gering ist. Es sind aber andere Kompetenzen gefordert, entscheidend werden daher Fort- und Weiterbildungen sowie generelle Umschulungen sein.

„Notwendig ist eine Neuerfindung des öffentlichen Verkehrs: weg von der Bereitstellungslogik, hin zu einer kundenorientierten Perspektive.“

Verkehrswende - Elektromobiiltät

Mobilitätskonzept der Zukunft – Elektrobus

Unternehmen wie Google und Tesla testen bereits seit ein paar Jahren autonome Fahrsysteme. Inwieweit werden sicheres, autonomes Fahren und günstige Robotertaxis eine weitere Individualisierung der Fortbewegung vorantreiben? Steht das Ende des öffentlichen Personennahverkehrs, wie wir ihn kennen, bevor?

„Robotaxis“ werden kommen und wenn wir klug sind, können wir mit ihnen die Verkehrslast in den Städten senken. Dazu braucht es aber eine Ablösung vom Eigentum. Diese Fahrzeuge sind kollektive Gefäße, die natürlich individuell genutzt und vom öffentlichen Verkehr betrieben werden. Ebenfalls notwendig dafür ist eine Neuerfindung des öffentlichen Verkehrs: weg von der Bereitstellungslogik, hin zu einer kundenorientierten Perspektive.

Angesichts des zunehmenden Online-Handels wächst der tägliche Warentransport; der Verkehr nimmt in diesem Bereich seit Jahren zu. Außerdem ist zu erwarten, dass die fortschreitende Digitalisierung die Just-in-time-Produktion befördern wird. Was halten Sie von dieser Prognose: In den Innenstädten wird der Lieferverkehr weiter zunehmen, die Autobahnen und Landstraßen werden noch mehr als bisher für die rollende Lagerhaltung genutzt.

Diese ist zutreffend. Wenn wir endlich angemessene Preise für den Warenverkehr definieren und der Transport eines Gutes auch einen wesentlichen Wert darstellt, dann kann man diese Entwicklung zumindest abdämpfen.

In ganz Europa, aber auch in den USA und weitaus stärker in Japan und sogar China wird ein demografischer Wandel, ein Trend hin zu einer alternden Gesellschaft erwartet. Welche Auswirkungen wird dies Ihrer Meinung nach auf zukünftige Mobilitätskonzepte haben?

Ältere Menschen sind weniger tolerant, was die Funktionsfähigkeit der Verkehrsmittel angeht. Das heißt, diese müssen tatsächlich genau auf die Bedürfnisse ausgerichtet werden. Zudem wird der Anteil des „Selbstfahrens“ deutlich zurückgehen und insgesamt werden weniger Kilometer zurückgelegt werden. Kein wirklich schlimmes Szenario. [[in diesem Umfeld bitte Abb. #162980569 | © fotolia.com/chombosan]]

Wo sehen Sie Konfliktfelder in der zukünftigen Entwicklung von Mobilität?

Einfach zwischen den Menschen, die das Alte gerne behalten wollen, und denen, die etwas Neues ausprobieren möchten.

„Wir werden neue Beteiligungsformate erhalten … Da braucht es eine geübte Moderation!“

Wenn Sie mit dem Konzept der Mediation vertraut sind: Glauben Sie, dass diese für die Verkehrswende hilfreich sein kann? Wenn ja, in welcher Weise?

Natürlich! Wir werden neue Beteiligungsformate erhalten und damit kommen Menschen zusammen, die vorher noch nie miteinander um neue Lösungen gerungen haben. Da braucht es eine geübte Moderation!

 

Prof. Dr. Andreas Knie

Sozialwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin (seit 1988), Professor für Soziologie an der TU Berlin (seit 1996) und seit 2006 Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ). Seinen Forschungsschwerpunkt bildet Mobilität (insbesondere Elektromobilität).

Porträt des Soziologen Dr. Andreas Knie

Dr. Andreas Knie / Mobilitätskonzepte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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